Mit Betroffenheit gibt das Institut für Hochschulforschung bekannt, dass sein früherer Direktor, Prof. Dr. Reinhard Kreckel, am 3. Juli 2026 im Alter von 85 Jahren verstorben ist. Damit vollendete sich ein akademisches Leben, dessen elfter universitärer Standort Wittenberg gewesen war: Von 2001 bis 2010 hatte Reinhard Kreckel die HoF-Institutsdirektion wahrgenommen. Prof. Reinhold Sackmann, auch Mitglied des HoF-Trägervereins, hat für das Institut für Soziologie und die Martin-Luther-Universität den Soziologen und ehemaligen Rektor der MLU gewürdigt. Seitens unseres Instituts darf der Hochschulforscher in den Mittelpunkt gerückt werden.
Mit der Hochschulforschung nahm sich Reinhard Kreckel im Alter von 60 Jahren ein neues Forschungsgebiet vor, trat also in die systematische sozialwissenschaftliche Reflexion der Hochschulentwicklung ein, nachdem er zuvor sechs Jahre lang als Prorektor und Rektor der MLU hochschulpolitische Erfahrungen gesammelt hatte. Dass er auch solche Praxiserfahrungen bereits mit intensiver Reflexion verbunden hatte, dokumentierte der Band „Vielfalt als Stärke“, der 2004 in der HoF-Schriftenreihe erschien und seine Texte zur Hochschulentwicklung aus den zurückliegenden Jahren versammelte. Eine Brücke von der Ungleichheitssoziologie, die sein wichtigstes Forschungsfeld war, zur Hochschulforschung wurde dann das Thema akademischer Karrierewege. Dieses stand über Jahre hin im Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit am HoF. Daraus sind vor allem die Bücher „Zwischen Promotion und Professur. Das wissenschaftliche Personal in Deutschland im Vergleich mit Frankreich‚ Großbritannien‚ USA‚ Schweden‚ den Niederlanden‚ Österreich und der Schweiz“ (2008) und „Hasard oder Laufbahn. Akademische Karrierestrukturen im internationalen Vergleich“ (2014, zusammen mit Karin Zimmermann) hervorgegangen. Sie lieferten weit vor #ichbinhannah das empirische Material, mit dem die im internationalen Vergleich Ungewöhnlichkeiten der akademischen Karrierestrukturen in Deutschland deutlich wurden.
Als Direktor hatte Reinhard Kreckel wesentlichen Anteil daran, dass das Institut für Hochschulforschung innerhalb weniger Jahre auf die dreifache Anzahl seines ursprünglichen wissenschaftlichen Personals expandierte. Sein durchgehendes Credo, das die Leitung des Instituts bestimmte, bestand darin, äußerlich unaufdringlich, aber umso ausdauernder zwei Ansprüche zu kommunizieren. Der eine: beständige Übung muss es für empirisch arbeitende Sozialforschung sein, in eigenen wie fremden Texten und Projekten normative Vorannahmen aufzuspüren, sie kenntlich zu machen oder zu eliminieren. Der andere: die Verankerung in der Empirie ist die Grundlage der Überzeugungskraft jeder hochschulforscherischen Bemühung. Reinhard Kreckel hat dabei, ebenso durchgehend, gezeigt, dass empirische Erdung und meinungsfreudiges Naturell gut zusammengehen können.
Auch nach seiner Pensionierung an der Martin-Luther-Universität im Jahre 2006 stand er engagiert zur Verfügung, nicht nur bis 2010 als Institutsdirektor. Er blieb Mitglied des HoF-Trägervereins, publizierte 2018 einen historisch informierten aufschlussreichen Text „On Academic Freedom and Elite Education in Historical Perspective. Medieval Christian Universities and Islamic Madrasas, Ottoman Palace Schools, French Grandes Écoles and ‚Modern World Class Research Universities’“ und vermittelte dem Institut Kontakte. 2024 publizierte HoF eine analytische ‚Wiederbegegnung‘ mit seiner Antrittsvorlesung, die er 1993 an der Universität in Halle gehalten hatte. Bereits vor einiger Zeit hat das Institut auf seiner Website auch eine Dokumentation des wissenschaftlichen Lebens Reinhard Kreckels online gestellt.
Das Institut für Hochschulforschung wird Reinhard Kreckel als produktiven Wissenschaftler und gelassenen Institutsdirektor in Erinnerung behalten.