Kerstin Martin

Kerstin Martin war über vier Jahrzehnte in der Bibliothek des Instituts für Hochschulforschung Halle-Wittenberg (HoF) und seiner Vorgängereinrichtungen tätig, seit 1991 dann auch hauptverantwortlich. Mit ihrem Eintritt in den Ruhestand verlässt eine Kollegin das Institut, die dessen Infrastruktur von Anfang an mitaufgebaut und kontinuierlich weiterentwickelt hat.

Von Berlin nach Wittenberg

Kerstin Martins beruflicher Weg begann am Zentralinstitut für Hochschulbildung (ZHB) der DDR in Berlin, wo sie als Bibliotheksangestellte arbeitete. Nach der Abwicklung des ZHB 1990 wurde die Bibliothek – damals eine der umfangreichsten Hochschulforschungsbibliotheken in Europa – von der Projektgruppe Hochschulforschung Berlin-Karlshorst weitergeführt. Dass dieser Bestand erhalten blieb, war keineswegs selbstverständlich: Die Bibliothek stand – wie das Institut, zu dem sie gehörte – vor der Auflösung und konnte nur durch eine gemeinsame Initiative von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Unterstützung aus der Wissenschaft gesichert werden. Rückblickend war die Rettung der Bibliothek eine Voraussetzung für die spätere Gründung des HoF – oder wie es eine langjährige Kollegin einmal formulierte: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren zunächst das „Beiwerk“ zur geretteten Bibliothek.
Als 1996 das Institut für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg gegründet wurde, organisierte Kerstin Martin die Überführung des gesamten Bibliotheksbestands von Berlin nach Wittenberg. Dort übernahm sie die Leitung der wissenschaftlichen Spezialbibliothek mit mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Aber auch dieser Umzug war nicht der letzte. Das Leucorea-Gebäude wurde noch saniert, und so musste die Bibliothek erst einmal im ehemaligen Musikschulgebäude – hier gegenüber auf der anderen Seite des Parkplatzes – eingelagert werden. Als der Südflügel der Leucorea fertig war, stand also noch einmal ein Umzug an.

Aufbau der Informationsinfrastruktur

Neben der laufenden Bibliotheksarbeit – Bestandsaufbau, Katalogisierung, Ausleihe, Recherchen für interne und externe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – war Kerstin Martin an der Konzeption und Umsetzung des von der Volkswagen-Stiftung geförderten Projekts „Informations- und Dokumentationssystem Hochschulentwicklung/Hochschulforschung“ (ids hochschule) beteiligt. Ziel war es, relevante Informationen aus dem Bereich Hochschule in einem Datenbanksystem zu vernetzen und öffentlich zugänglich zu machen. Das Portal bündelte Literaturnachweise mehrerer Einrichtungen, darunter die Hochschulrektorenkonferenz, die HIS GmbH Hannover, das Bayerische Staatsinstitut für Hochschulforschung und das DFG-Sondersammelgebiet Hochschulwesen der Humboldt-Universität zu Berlin. Das ids hat dann rund zwei Jahrzehnte anderen Bibliotheken und vermutlich vielen Nutzern als strukturierter Zugang zur Fachliteratur gedient.

Parallel dazu lieferte Kerstin Martin über Jahrzehnte bibliografische Daten an das Fachinformationssystem Bildung (FIS Bildung) – seit den frühen 1990er Jahren rund 2.000 Nachweise jährlich. Im Rahmen dieser Kooperation wurden u.a. hochschulrelevante Zeitschriften vollständig ausgewertet.

Modernisierung und Übergabe

In den letzten Jahren begleitete Kerstin Martin die technische Modernisierung der Bibliotheksinfrastruktur. Der Online-Katalog (OPAC), der auf einer Software aus den 1990er Jahren basierte, überstand mehrere Serverumzüge – beim letzten im Frühjahr 2026 wurde die Weboberfläche grundlegend erneuert. Wer mit Kerstin Martin an solchen Projekten arbeitete, lernte schnell: Sie kannte nicht nur den Bestand im Detail, sondern fand auch dann noch das richtige Buch, wenn die Beschreibung nicht mehr als „grüner Einband“ hergab. Zudem wirkte sie am Übergang des Datenbestands in eine Zotero-Webbibliothek mit: Die in dem Datenbanksystem MIDOS geführten Literatureinträge wurden in das verbreitete RIS-Format konvertiert, sodass der gesamte Bestand in einer zukunftsfähigen Form langfristig nutzbar bleibt.

Dank

Kerstin Martin hat die Bibliothek des HoF nicht nur verwaltet, sondern über mehr als 40 Jahre hinweg aufgebaut, durch institutionelle Umbrüche geführt und an veränderte Anforderungen angepasst. Wer am HoF arbeitet oder gearbeitet hat, kennt sie als Kollegin, die sich um andere kümmert und die Dinge zum Laufen bringt – auch jenseits der Bibliothek. Die Sammlung, die sie hinterlässt – mit ihren umfangreichen Beständen zur Hochschulforschung in der DDR und Osteuropa –, bleibt ein Fundament der Arbeit des Instituts. Wir danken ihr für diese Arbeit und wünschen ihr alles Gute.