Die Offene Arbeit in den evangelischen Kirchen der DDR

Seit den 1970er Jahren wurde innerhalb des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR ein alternativer Ansatz der Jugendarbeit entwickelt und umgesetzt. Dieser reagierte auf vor allem zwei Umfeldbedingungen: einerseits eine religionsferne Mehrheitsbevölkerung, andererseits ein politisch normiertes und normierendes Bildungs- und Erziehungssystem. Die sog. Offene Arbeit zielte darauf, einen Freiraum für politische Diskussionen, kulturelle Horizonterweiterung sowie individuelle und kollektive Selbstermächtigung zu schaffen. Mit Unterstützung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur werden 2012/2013 der Forschungsstand zur Geschichte der Offenen Arbeit aufbereitet, im Rahmen einer Fallbeispieldarstellung die wissenschaftliche Begleitung einer Zeitzeugengruppe realisiert, die die Offene Arbeit innerhalb der evangelischen Jungen Gemeinde Halle-Neustadt dokumentiert, die Ergebnisse für die politische Bildungsarbeit aufbereitet und eine Magisterarbeit realisiert.

Website: www.oa-halle-neustadt.de

Die Website wurde begleitend zu der zwischen 2013 und 2014 wandernden Ausstellung „Rebellion im Plattenbau. Die Offene Arbeit in Halle-Neustadt 1977-1983“ konzipiert. Sie vereint eine detaillierte Dokumentation der Geschichte der Offenen Arbeit mit Informationen zur Ausstellung und relevanten weiterführenden Publikationen. Es können außerdem die Exponate und der Katalog der Ausstellung eingesehen und heruntergeladen werden.

Abstract

Die sozialistische Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt war ein Prestigeprojekt der DDR-Staatsführung. Ein bisher kaum bekanntes Kapitel dieses heutigen Stadtteils ist die „Offene Arbeit“ (OA) in der evangelischen Kirchengemeinde Halle-Neustadt von 1977 bis 1983. Es ist im Stadtgedächtnis faktisch nicht vorhanden. Daran sollen die Ausstellung, die erstmals im Juni / Juli 2013 im Evangelischen Gemeindezentrum Halle-Neustadt (Passendorf) gezeigt wird, und der hier vorgelegte Katalog zur Ausstellung etwas ändern.

Die Ausstellung hat zwei Anlässe: 2014 wird es 50 Jahre her sein, dass der Grundstein für den Aufbau Halle-Neustadts gelegt wurde. 2013 ist es 30 Jahre her, dass die Offenen Arbeit zerschlagen wurde.

Die Offene Arbeit wollte im Schutzraum der Kirche junge Menschen befähigen, selbstständig Entscheidungen zu treffen und aktiv ihre Umwelt mitzugestalten. Die rasch wachsende Gemeinschaft schaffte sich einen bislang ungekannten Freiraum: für Diskussionen und Erlebnisse jenseits der engen Grenzen staatlich verordneter Angebote zur Jugendbetreuung, unabhängig von Konfession und politischer Einstellung. Alltagskonflikte in Schule, Lehrausbildung und den Familien waren häufig politisiert. Sie konnten in der Gemeinschaft diskutiert und verarbeitet werden. Halle-Neustadt erwies sich als ein besonderer Resonanzboden für diese Art der selbstverantworteten Jugendarbeit.

Ab 1978 zogen die „Werkstattage“ genannten Großveranstaltungen auf dem Gelände der Passendorfer Kirche junge Menschen aus der gesamten DDR an: ihr eigenes kleines ‚Woodstock‘. Das Experiment erregte zunächst Aufsehen. Dann entwickelte es sich zu einer Zerreißprobe für die Kirchengemeinde. Es endete vor 30 Jahren mit der Verhaftung und Verurteilung des Jugenddiakons. Die Basis der OA zog sich in die Altstadt Halles zurück – mehr denn je bestärkt, etwas zu verändern.

Wie es im Verlauf der wenigen Jahre dazu kam, zeigen die Ausstellung und der Katalog:

  • Was war die Offene Arbeit in Halle-Neustadt?
  • Mit welchen politischen Schwierigkeiten wurde sie im Verlauf ihrer
  • Existenz konfrontiert?
  • Wie reagierte der Staatsapparat auf die Irritation seiner hoheitlich
  • gesicherten Gesellschaftsbeschreibung?
  • Unter welche Zugzwänge wurde die Kirche in der Diktatur gesetzt,
  • und wie reagierte sie?
  • Welches persönliche Engagement stand hinter der Offenen Arbeit?
  • Wie verlief das Experiment, und wie endete es?
  • Welche Nachwirkungen hatte die OA Halle-Neustadt?

Die Ausstellung und der Katalog entstanden in Kooperation eines wissenschaftlichen Teams vom Institut für Hochschulforschung (HoF) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit einer Zeitzeugen-Gruppe der früheren OA und dem damaligen Jugenddiakon Lothar Rochau. Die evangelische Kirchengemeinde Halle-Neustadt leistete freundliche Unterstützung und ist für vier Wochen Gastgeberin der Ausstellungspremiere.

Buchpublikationen und Forschungsberichte

Sebastian Bonk / Florian Key / Peer Pasternack (Hrsg.) (2013): Rebellion im Plattenbau. Die Offene Arbeit in Halle-Neustadt 1977–1983. Katalog zur Ausstellung, Institut für Hochschulforschung (HoF), Halle-Wittenberg, 50 S. mehr...

Artikel (Auswahl)

  • Sebastian Bonk / Florian Key / Peer Pasternack: Die Offene Arbeit in den Evangelischen Kirchen der DDR. Fallbeispiel Halle-Neustadt, in: Peer Pasternack (Hg.): Wissensregion Sachsen-Anhalt. Hochschule, Bildung und Wissenschaft: Die Expertisen aus Wittenberg, Akademische Verlagsanstalt, Leipzig 2014, S. 203-207. Download
  • Sebastian Bonk / Florian Key / Peer Pasternack (Hrsg.): Rebellion im Plattenbau. Die Offene Arbeit in Halle-Neustadt 1977–1983. Website, Halle-Wittenberg 2013
  • Sebastian Bonk / Florian Key / Peer Pasternack (Hrsg.) (2013): Rebellion im Plattenbau. Die Offene Arbeit in Halle-Neustadt 1977–1983. Katalog zur Ausstellung, Institut für Hochschulforschung (HoF), Halle-Wittenberg, 50 S.
  • Sebastian Bonk / Florian Key / Peer Pasternack (2012): Die Offene Arbeit in den Evangelischen Kirchen der DDR. Fallbeispiel Junge Gemeinde Halle-Neustadt, in: Peer Pasternack (Hrsg.), Hoch­schul- und Wissensgeschichte in zeithi­s­torischer Perspektive. 15 Jahre zeitgeschichtliche Forschung am Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg (HoF), Institut für Hochschulforschung (HoF), Halle-Wittenberg, S. 97-99. Download