Auch ein Forschungsmuseum. Das Lutherhaus Wittenberg 1883–2023: 140 Jahre Sammlung, Dokumentation und Forschung

Forschungsmuseen sind Museen mit überregional bedeutenden Samm­lungen, die – ne­ben ihren sonsti­gen Aufgaben der Bestandspflege und -erwei­te­rung sowie der Aus­­stel­lungsgestaltung und angeregt von den Sammlungen – eigene Forschungen durch­­führen, die wiederum überregional be­deutsam sind und den Forschungsstand des jeweiligen Fachgebiets mitbestimmen. Das Wittenberger Lutherhaus ist im Lau­fe der ersten 140 Jahre seines Bestehens zu einem solchen Forschungsmuseum ge­worden.

Das 1883 als „Lutherhalle“ gegründete Museum im Lutherhaus entwickelte sich bisher in fünf verschiedenen politischen Sy­s­temen: vom Kaiserreich und der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus und die DDR bis hin zum vereinigten Deutschland demokratischer Prägung. Damit sind zugleich unterschiedliche geschichtspolitische Konjunkturen zu verhandeln. Das hebt den Fall ins Ex­em­pla­ri­sche. Das Lutherhaus hat­te an den recht verschieden motivierten und ausgestalteten Reformationsbildern, in unter­schied­licher Weise teil: miterzeugend, bekräftigend, relativierend, unterlaufend, korrigierend, horizont­erwei­ternd. Die wissenschaft­liche Verankerung der Museums­arbeit stand da­bei spätestens seit 1930 nicht infrage, son­dern wurde im Laufe der Jahrzehn­te zunehmend pro­fessioneller. Das wird in dem Buch ausführlich dargestellt und mit einer darin erstmals vorgelegten Bibliografie der Lutherhaus-Pu­blikationen belegt.

Die inhaltlichen Ergebnisse der Arbeiten im Lutherhaus wurden zum einen in den Ausstellungen, zum anderen in Publikationen sichtbar. Letztere waren sowohl popularisierende als auch im engeren Sinne wissenschaftliche. Dabei zeigen sich im Zeitverlauf sowohl gleich­bleibend bedeutsame als auch wechselnde Schwerpunkte:

  • Herausgehobene publizistische Be­handlung erfuhr durchgehend und we­nig verwunderlich Martin Luther. Philipp Melanchthon blieb über die Jahrzehnte hin im Aufmerksamkeitsschatten Luthers, wobei er allerdings ab 1990 eine deutlich erhöhte Beachtung gefunden hat.
  • Die Frauen der Reformatoren wurden erst ab 1990 zu einem relevanten Gegenstand im Veröffentlichungsgeschehen des Luther­hauses.
  • Durchgehende Präsenz wies das The­ma „Reformation und Kün­ste“ auf, das sich ausdrücklich nicht allein auf das 16. Jahrhundert bezieht. Es nahm im Zeitverlauf parallel zur gesamten Pu­blikationsdynamik zu.
  • Die Verhandlung allgemeiner Muse­umsfragen und allgemeiner (Zeit-) Ge­­­­schichte trat in nennenswertem Umfange ab 1990 auf. Das betraf Themen, die zwar einen Bezug zum Arbeitsauftrag des Lutherhauses auf­wiesen, aber diesen weiteten, etwa übergreifende Fragen im Kontext mu­sealer Vermittlungsarbeit.

Hinzu traten laufend Publikationen, die auf das Lutherhaus selbst bezogen sind, sodann die Sozial-, Medien- und Kunstgeschichte der Reformation, schließlich allgemeine Fragen der Reformation und ihrer Wirkungsgeschich­­­­te, die Wittenberger Horizonte überschreiten.

Insgesamt wurden aus dem Lutherhaus 825 Texte veröffentlicht: 47 Monografien, 77 Herausgeberbände, 117 Broschüren und 584 Artikel. Im Zeitverlauf hat sich die Zahl des Gedruckten aus Wittenberg bis 1989 langsam und ab 1990 eskalierend erhöht. Die Nachfrage nach der wissen­schaft­li­chen Expertise lässt sich insbesondere daran ablesen, ob und wie Lutherhaus-Autorinnen und -Autoren auch als Verfasser von Artikeln in Lexika gefragt waren, sie in wissenschaftlichen Periodika publizierten sowie als Vortragende auf Tagungen und Autorinnen in wissenschaftlichen Sammelbänden präsent waren.

Im Ergebnis wird man wohl ab etwa Mit­te der 1930er Jahre für die Lutherhalle von einer Einrichtung sprechen können, die sich suk­zessive zum Forschungs­museum entwickelte, ohne es freilich sofort gewesen zu sein. Die personelle Ausstattung setzte zwar dem Ziel, die Lutherhalle zu einem relevanten institutionellen Spieler auch im wissen­schaftlichen Feld zu entwickeln, deutliche Gren­zen. Doch zeigen die Publikationen dieser Zeit, dass die Lutherhalle auch damals schon wissenschaftlich satisfaktionsfähig war. Ab 1970 und dann noch einmal deutlich nach der Gründung der Stiftung Luther­gedenkstätten in Sachsen-Anhalt 1997 dokumentieren die Tagungs- und Publikationsaktivitäten, dass das Lutherhaus auch ein Forschungsmuseum geworden war.

Wesentlich das Lutherhaus hat bewirkt, dass es in Wittenberg trotz der Uni­­­versitätsauflösung 1817 wieder (geistes)wissenschaftli­che Forschungsaktivitäten gab: Es hat nahezu im Alleingang dafür gesorgt. Ebenso ist der Umstand, dass es in Wittenberg eine reformationshistorische Infrastruktur gibt, die auswärtigen Forscher.innen eine einmalige Materialbreite bietet, wesentlich dem Lutherhaus zu verdanken. Nicht nur die Stadt Wittenberg hat es ver­­mocht, ihr reformatorisches Erbe in vielerlei Hinsicht materiell und so­zi­al zu kapitalisieren, sondern auch das Lutherhaus, dies mit intellektueller Unterfütterung zu versehen

Literatur

Peer Pasternack: Auch ein Forschungsmuseum. Das Lutherhaus Wittenberg 1883–2023: 140 Jahre Sammlung, Dokumentation und Forschung, edition Albioris, Halle-Wittenberg 2025, 532 S. URL https://hof.uni-halle.de/web/dateien/pdf/Pasternack-2025_LuH-1.pdf

Peer Pasternack: Materialheft zu „Auch ein Forschungsmuseum. Das Lutherhaus Wittenberg 1883–2023“ (HoF-Arbeitsbericht 134), Institut für Hochschulforschung (HoF), Halle-Wittenberg 2025, 84 S. URL https://www.hof.uni-halle.de/web/dateien/pdf/ab_134_WEB.pdf

Peer Pasternack: Auch ein Forschungsmuseum. Das Lutherhaus Wittenberg 1883–2023: 140 Jahre Sammlung, Dokumentation und Forschung, edition Albioris, Halle-Wittenberg 2025, 532 S. URL https://hof.uni-halle.de/web/dateien/pdf/Pasternack-2025_LuH-1.pdf
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